Märkische Allgemeine Zeitung vom 20.05.2010
ARGUS-Archiv will Auskunft über die bewegten Tage der friedlichen Revolution geben
Von Sebastian Scholze
Es sind Papiere, die eine aufregende Zeit lebendig werden lassen: die Wochen vor und nach der friedlichen Revolution in der DDR. Die Dokumente und Fotos sollen gleichzeitig der Beginn eines Bürgerarchivs sein. Gestern wurde das Archiv der Arbeitsgemeinschaft für Umweltschutz und Stadtgestaltung (ARGUS) um viele Seiten erweitert. Die ehemalige Leiterin der Potsdamer Außenstelle für Stasi Unterlagen, Gisela Rüdiger, und Michael Heinroth, der als einer der Macher der Ausstellung "Suchet der Stadt Bestes" im Wendeherbst die Aufmerksamkeit auf den fortschreitenden Abriss der Zweiten Barocken Stadterweiterung gelegt hatte, übergaben ihre private Sammlungen dem Archiv zum Einscannen.
Seit dem letzten Sommer sammelt man bei ARGUS. Durch Fördermittel konnten Saskia Hüneke und ihre Mitstreiter einen Computer und ein professionelles Archivprogramm namens Faust beschaffen sowie eine Bearbeiterin einstellen. "Wir stehen erst ganz am Anfang", sagte Hüneke. "Unser Archiv soll auf lange Sicht angelegt sein: Studenten, Forscher und Interessierte sollen hier arbeiten können." Ein Teil der Dokumente soll später im Internet zur Verfügung gestellt werden. Das Einscannen ist dabei zum Teil die letzte Chance auf Rettung. "Bei manchen Dokumenten verschwindet innerhalb von Minuten die Schrift, wenn man sie aus ihren Schutzhüllen nimmt."
Rüdiger, seit September 1989 Mitglied bei Argus, freute sich sehr, dass mit dem Archiv eine gemeinsame Idee von Bürgerrechtler Rudolf Tschäpe und ihr aufgegriffen wird. „Für Argus saß ich damals im Rat der Volkskontrolle, der die Abwicklung der Stasi überwachen wollte", sagte Rüdiger. Ihre vier Aktenordner geben unter anderem Aufschluss über den "Ausverkauf“ in der Potsdamer Stasi-Zentrale. So wollte das Hans-Otto-Theater überzählige Möbel nutzen. Wie sich Vorstandsmitglied Saskia Hüneke noch gut erinnert, landete ein Panzerschrank der Spitzelbehörde sogar bei ARGUS. Die von Rüdiger übergebenen Dokumente zeigen aber auch, dass nach 1989 beinahe aus heutiger Sicht Unverständliches passiert wäre: Alle Täter und Opferakten sollten vernichtet werden, um Blutvergießen und Racheakte zu verhindern. Ein Aufruf unter anderem in der damaligen Märkischen Volksstimme lenkte die Aufmerksamkeit auf das Problem.
Michael Heinroth war 1980 nach Potsdam gekommen. Er begann, den Abriss der historischen Innenstadt zu dokumentieren. „Oft wurden Urkunden über den Bauzustand zur Rechtfertigung gefälscht“, sagte er. „Ich kannte eine alte Frau, die sich umgebracht hat, als man sie rausgeworfen hat." Mit selbst gedrehten Filmen wollte man die Sendung "Kontraste" im Westen auf die Misere im Osten aufmerksam machen. Allein: Die Stasi hatte ihre Mitarbeiter eingeschleust, die die Aufnahmen teilweise unbrauchbar machten. Die Erinnerungstafel, die Heinroth heimlich angebracht hatte, um das einstige Wohnhaus Theodor Storms in der Dortustraße 68 vor den Baggern zu retten, gehört heute wieder ihm. Einen Studenten hatte sie dermaßen beeindruckt, dass er sie aufbewahrte und nach der Zufallsbekanntschaft mit Heinroth diesem übergab.
Potsdamer Neueste Nachrichten vom 20.05.2010
Der Verein Argus baut ein Archiv für Dokumente der Wende- und Nachwendezeit auf
Von Guido Berg
Die Geschichte war innerhalb weniger Wochen vom jahrzehntelangen Stillstand in den Sprint übergegangen. Wer dachte in diesen Tagen daran, im Herbst 1989, als alles aufbrach, etwas beiseite zulegen für die Historiker? Michael Heinroth hat es getan. Ihn interessierte schon in den 1980er Jahren die Potsdamer Baugeschichte. Wenn wieder eine historische Häuserzeile abgerissen werden sollte, stöberte der Mann durch die leeren Häuser und sammelte, was ihm interessant erschien. Was da so geplant war an Abrissen, machte er in einem Artikel des grünen Netzwerk Arche DDR-weit bekannt - unter dem Pseudonym "Michael Berger" um der Verfolgung zu entgehen.
Es sind Geschichten wie diese, die sich mit den Dokumenten, Fotos, Briefen, Eingaben, Negativen erschließen lassen, die Heinroth gestern dem Verein ARGUS übergab. ARGUS, 1988 als Arbeitsgemeinschaft für Umweltschutz und Stadtgestaltung gegründet, hat damit begonnen, ein Archiv aufzubauen, um schriftliche Zeugnisse und Exponate der Wende- und Vereinigungszeit in Potsdam für die Nachwelt zu bewahren. "Sie glauben gar nicht, was man alles vergisst", sagte Saskia Hüneke vom ARGUS-Vorstand. Es sei eine "unglaublich dichte und spannende Zeit" gewesen, so die Bündnisgrüne Stadtverordnete, die den gestrigen Tag als "Geburtsstunde eines Bürger-Archivs" bezeichnete. "Interessante Zeitzeugnisse" sind auch zwei Videos, die Heinroth in das ARGUS-Archiv einbringt. Sie zeigen Interviews, die mit einer in die DDR geschleusten Kamera für die ARD Sendung Kontraste aufgezeichnet wurden. Gedreht wurden weitaus mehr als zwei Interviews, so Heinroth. Doch die übrigen waren von sehr schlechter Qualität. Später habe sich herausgestellt, dass derjenige, der die Kamera bei dieser geheimen Aktion führte, informeller Mitarbeiter der Staatssicherheit war.
Aber nicht an allem war die Stasi schuld: Lange haben sich Heinroth und andere gefragt, wo das Schild abgeblieben ist, das sie an das Haus Dortustraße 68 anbrachten. Kein Geringerer als der Schimmelreiter-Autor Theodor Storm hatte dort zwischen 1854 und 1856 gewohnt. Für die Potsdamer Stadt-"Erneuerer" dieser Zeit war dies freilich kein Grund, das Haus stehen zu lassen. Vergeblich protestierten Potsdamer Bürger auch mit dem Schild gegen den Frevel.
Das verschwundene Schild, das über die Stormsche Vergangenheit des Gebäudes informierte, tauchte Heinroth zufolge auf einem Basar der Fachhochschule wieder auf. Studenten hatten sich gedacht, das Schild sei viel zu schade, als dass es Opfer der Bagger werden sollte.
Auf Heinroths Material hat nicht nur ARGUS ein Auge geworfen, sondern auch das Potsdam-Museum. Die von ihm und Michael Zajons erarbeitete Ausstellung "Suchet der Stadt Bestes", im September und Oktober 1989 in der Nikolaikirche gezeigt, wird Teil der neuen Dauerausstellung des Potsdam Museums.
Finanziert durch die Stiftung Aufarbeitung werden die neu bei ARGUS eingegebenen Dokumente gescannt, berichtet ARGUS-Geschäftsführerin Elvira Schmidt. So entsteht eine digitale Datenbank der Dokumente, in denen Wissenschaftler, Journalisten und Studenten recherchieren können. Saskia Hüneke: „Wir hoffen auf Forschungsprojekte“. Ob sie ihre Dokumente bei ARGUS ins Archiv gibt, hat Gisela Rüdiger noch nicht entschieden. Aber scannen lässt sie sie schon einmal. Gisela Rüdiger ist seit September 1989 bei ARGUS. Nach der Besetzung der Stasi Zentrale in der Hegelallee am 5. Dezember 1989 war sie Mitglied im Rat der Volkskontrolle, der die Auflösung der Stasi überwachte. Viele Dokumente, die sie bei ARGUS einscannen lässt, stammen auch von der Schriftgut-Kommission. Diese entschied, welche Stasi-Akten aufgehoben und welche vernichtet werden können - eine Arbeit, die unter Kritik stand, weil nicht nur Akten vernichtet wurden, die angeblich "doppelt und dreifach" vorhanden waren. Später leitete Gisela Rüdiger die Potsdamer Außenstelle der Stasiakten-Behörde. Mögliche Forschungsfelder für Historiker deutete Gisela Rüdiger bereits an: Wie kam es zur Übernahme ehemaliger Stasi-Mitarbeiter in andere öffentliche Bereiche, etwa bei der Brandenburger Polizei?