ARGUS Aktuell » Beitrag lesen

WELTKULTURERBE: Sorge um Sichtachsen

  • 27. Oktober 2008

Auf einer Tagung in Potsdam beraten Denkmalpfleger und Investoren

Märkische Allgemeine Zeitung vom 27.10.2008

POTSDAM - Weil Potsdam keine Pufferzone um seine Schlösser und Gärten eingerichtet hat, würde die UNESCO heute einen Antrag als Weltkulturerbe ablehnen, warnte Giulio Marano, Sprecher der Monitoringgruppe des deutschen UNESCO-Nationalkomitees ICOMOS in Potsdam. Marano war Referent der Tagung Weltkulturerbe und bürgerschaftliches Engagement, die am Freitag und Samstag im Alten Rathaus stattfand. Er sei aber erfreut zu hören, dass jetzt an Plänen für eine Pufferzone gearbeitet werde. Solch ein schützender Gürtel, in dem beispielsweise Bauhöhen in bestimmten Stadtteilen festgeschrieben seien, und ein Managementplan seien heute Voraussetzung für eine Bewerbung, erklärte Marano. Die Verhandlungen zwischen Stadt, Land und der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg über die Pufferzone sollen bis zum Jahresende abgeschlossen sein, versprach Baubeigeordnete Elke von Kuick-Frenz (SPD).

Marano sprach über Kriterien für die Aufnahme als Weltkulturerbe und kündigte gleich an, dass das Thema für einen 30-minütigen Vortrag zu komplex sei. Immerhin lägen der Entscheidung 40 Konventionen und über 300 Richtlinien zugrunde. Herauszuheben sei aber der außergewöhnliche universelle Wert eines Gebäudes, einer Stadt, einer Tradition oder eines Naturphänomens.

Dirk Onnen, Investor in Potsdam und Geschäftsführer der Norddeutschen Boden AG, brachte Schwung in die Veranstaltung, als er schilderte, wie sich die Zusammenarbeit mit der Schlösserstiftung und der Denkmalpflege aus seiner Sicht darstelle: Der Investor ärgert sich über den Mangel an Respekt und Entgegenkommen bei langwierigen Debatten sowie über Änderungswünsche, die erst kurz vor Baubeginn geäußert würden. Er wünsche sich mehr Koordination und attestierte seinen Gesprächspartnern ein psychologisches Problem, das ihn als der böse Investor darstelle.

Das konnte Stiftungskonservatorin Gabriele Horn natürlich nicht so stehen lassen: Sie plädierte dafür, früher ins Gespräch zu kommen und pries Simulationen, die Behinderungen von Sichtachsen frühzeitig erkennen ließen. Mittels Feuerwehrleitern und Lampen habe die Stiftung diese Simulationen durchgeführt. Die Bewahrung der Sichtachsen sei wichtig, um die Verknüpfung der Parkanlagen, die in Potsdam einzigartig sei, zu erhalten.

Was passieren kann, wenn das Weltkulturerbe nicht gepflegt und bewahrt wird, führte das Beispiel der Dresdener Waldschlösschenbrücke vor Augen. Einigermaßen frustriert äußerte sich Thomas Löser, Sprecher des "Bürgerbegehren Welterbe erhalten durch Elbtunnel am Waldschlösschen e.V.". Der Verein habe vorgeschlagen, einen Tunnel statt der Brücke zu bauen, doch diese Initiative sei massiv von der Stadt Dresden und insbesondere der CDU behindert worden. Der Freistaat hat kein Interesse daran, wir können im Prinzip nichts mehr machen, ist Lösers resigniertes Fazit. Das soll Potsdam dank Pufferzone und Sichtachsensimulationen freilich erspart bleiben. (Von Anne Meyer-Gatermann)

Welterbe - Lust und Last

Die Schlösser und Parks in Potsdam und Berlin vereinigte der Gartengestalter Peter Joseph Lenné im 19. Jahrhundert zu einem von Sanssouci bis zur Pfaueninsel reichenden Arkadien. 1990 nahm die UNESCO diese einzigartige Kulturlandschaft in die Liste des Welterbes der Menschheit auf.

Zur Tagung "Welterbe und bürgerschaftliches Engagement" hatte der ARGUS e. V. Potsdam eingeladen. Der Verein war 1988 im Kulturbund als "Arbeitsgemeinschaft für Umweltschutz und Stadtgestaltung" gegründet worden. Seine Mitglieder nehmen heute als sachkundige Bürger und Beiratsmitglieder aktiv an der politischen Meinungsbildung in der Stadt teil. Hauptthemen sind Stadtgestaltung, Stadtverkehr sowie die Beachtung des Natur- und Umweltschutzes.

Im Mittelpunkt des Symposiums stand die Frage, wie Strategien zur Vermeidung von Konflikten zwischen Bürgergesellschaft und den mit dem Welterbe-Status verbundenen Verpflichtungen zu finden sind. fk

Beitragsnavigation

 
Beiträge durchsuchen